Aus Brüssel berichten – mal aufregend, mal undankbar

Was erwartet Journalisten, die nach Brüssel kommen, um über die Europapolitik zu berichten? Bei einem Seminar im Europaparlament habe ich meine Erfahrungen aus 20 Jahren zusammengefasst.

Die Berichterstattung über Europapolitik aus Brüssel kennt, wie alles, Höhen und Tiefen. Im Rückblick lassen sich – grob vereinfacht – drei Phasen ausmachen:

  1. Die EU als Erfolgsmodell (die glücklichen Nullerjahre)
  2. Die EU in der Dauerkrise (ab 2008)
  3. Die EU im Ausnahmezustand (ab 2020)

Als ich 2004 in Brüssel ankam, war die EU-Berichterstattung alles andere als langweilig und undankbar – sie war aufregend und viel versprechend. Denn damals ging es um die Erweiterung, die als „Big Bang“ und Wiedervereinigung Europas präsentiert wurde. Europa war die Zukunft, die EU galt als Modell für die ganze Welt. Das war auch für Journalisten spannend. Wir hatten eine Mission – den Menschen das neue Europa und die Vorzüge der EU zu erklären. Ich habe eine  „europäische Brille“ aufgesetzt und mein Bestes gegeben.

Das „Handelsblatt“, für das ich damals arbeitete, war ein gefragter Gesprächspartner. Uns standen alle Türen offen, eine Zeitlang sogar wortwörtlich: Vor dem Umzug ins Berlaymont war die EU-Kommission wesentlich offener als heute, zu manchen Kommissaren konnte man als Journalist einfach so hineinspazieren. Viele Infos wurden uns ungefragt  zugesteckt; so kam auch mein bisher größter Scoop über die Ausspähung europäischer Bankdaten durch die USA und das SWIFT-Abkommen zustande.

Leider begann schon bald die „Polykrise“ (J.-C. Juncker) — mit der globalen Finanzkrise 2008, der Eurokrise, der Flüchtlingskrise, dem Brexit etc. Plötzlich ging es nicht mehr um die Erweiterung und Vertiefung der EU, sondern um ihre Rettung. Die Korrespondenten wurden zu Krisenexperten, die die Spreads kennen und das griechische Rentensystem erklären mußten. Alles drehte sich um Angela Merkel, Europa sprach plötzlich deutsch. Auch das war spannend, aber oftmals auch unverständlich und unangenehm. 

In diese Zeit fiel auch mein Wechsel zur „taz“. Wie bei vielen Korrespondenten, war meine Entsendung von 3 plus 2 Jahren zu Ende gegangen. Doch danach hatte man plötzlich keine Verwendung mehr für mich beim „Handelsblatt“. Angeblich war kein Posten frei – die Rotation bei den Auslandskorrespondenten hat manchmal ‘was von Russisch Roulette – und der neue Chefredakteur mußte ein paar Leute raussetzen. Ich machte dann als freier Journalist weiter – und mußte feststellen, dass die Türen für Freelancer nicht mehr offen stehen…

Seit dem Brexit sind wir in einer neuen Phase. Jetzt gilt es plötzlich, die EU gegen Populisten, Nationalisten und andere Gegner zu verteidigen – und nicht mehr nur zu erklären. Damit rücken aber auch die Defizite und Fehler der europäischen Einigung stärker in den Blick. Die Berichterstattung wird kontroverser, oft auch kritischer. Leider ziehen die EU-Institutionen daraus die falschen Schlüsse – sie versuchen mehr denn je, sich auf das (vermeintlich) Positive zu konzentrieren und Probleme unter den Teppich zu kehren. 

Diese Tendenz hat sich mit Corona und dem Krieg weiter verstärkt: In der Coronakrise war, Lockdown bzw. Confinement oblige, freie Berichterstattung im Sinne von Vor-Ort-Reportage und Recherche kaum noch möglich. Die EU pflegte einen Verlautbarungs-Journalismus, der bekanntlich undankbar ist. Seit dem Krieg kommt auch noch Propaganda hinzu. Zudem werden bestimmte, früher EU-typische Ansätze tabuisiert – Diplomatie, Soft Power und Verhandlungen sind kein Thema mehr, die Pressesprecher bügeln entsprechende Fragen ab. 

Dies ist ärgerlich, denn die EU war – so will es das offizielle Narrativ – als Friedensunion gegründet worden und schafft es nicht, ihre neue Mission angemessen und transparent zu vermitteln. Ich verstehe mich weder als Hofberichterstatter noch als Kriegsreporter und erwarte von der EU, dass sie eine eigene, europäische Perspektive einnimmt und diese auch transparent vermittelt. Dies kann ich derzeit nicht erkennen. Die EU ist im permanenten Ausnahmezustand und es fällt schwer, ihre Politik zu verstehen und zu erklären. 

Fazit: EU-Berichterstattung ist undankbar geworden – aber es war nicht immer so, und es muß auch nicht ewig so bleiben. Ich denke, es hängt auch von uns Journalisten ab, wie es weiter geht. Wir dürfen uns nicht mit PR und Propaganda zufrieden geben und müssen lernen, die EU auch in schwierigen Zeiten kritisch zu hinterfragen. In gewisser Weise muß die Berichterstattung erwachsen werden und sich von der „Brüsseler Blase“ und den Spindoktoren emanzipieren. Mit meinem Blog „Lost in EUrope“ versuche ich, einen kleinen Beitrag zu leisten…

Hinweis: Das Seminar wurde von dem Europaabgeordneten M. Sonneborn organisiert. Es nahmen Journalisten aus ganz Deutschland teil.